In Erinnerung an Dag Solstad
Am 15. März ist der große norwegische Schriftsteller Dag Solstad im Alter von 83 Jahren gestorben.

Er war einer der einflussreichsten Autoren der norwegischen Gegenwartsliteratur: Über fünf Jahrzehnte hat Dag Solstad Werke von höchster literarischer Qualität geschaffen, die seismpographisch den wechselnden Stimmungen der Zeit nachspürten.
Seit seinem Debüt mit einer Kurzgeschichtensammlung im Jahr 1965 nahm er langsam, aber sicher die norwegische Leserschaft für sich ein und etablierte sich als einer der anerkanntesten und meistgelesenen Autoren der Gegenwart. Lange Zeit galt seine Literatur als „zu norwegisch“, um ein internationales Publikum zu erreichen – was sich längst als Irrtum herausgestellt hat. Heute sind seine Werke in fast 40 Sprachen übersetzt.
Solstad war einer der einflussreichsten Autoren der zeitgenössischen norwegischen Literatur. Viele jüngere Schriftsteller nennen ihn als Inspiration. Auch international wurde er bewundert – darunter von dem japanischen Autor Haruki Murakami und dem österreichischen Nobelpreisträger Peter Handke, der die „innige und liebende Ironie“ in Solstads Büchern schätzte. Die US-amerikanische Autorin Lydia Davis lernte Norwegisch, um Solstad im Original lesen zu können. In Istanbul stieg einmal ein norwegischer Verleger in ein Taxi und entdeckte auf dem Vordersitz ein Buch von Solstad. Der Taxifahrer las es zwischen seinen Fahrten.
Eine feine Ironie zeichnet wohl alle Werke von Dag Solstad aus, auch wenn sich sein Schreiben thematisch und stilistisch immer wieder wandelte. In seinen frühen Werken, die stark von der politischen Linken und marxistischen Ideen geprägt sind, setzte sich Solstad mit sozialen Ungerechtigkeiten, Klassenfragen und den politischen Bewegungen der Zeit auseinander.
Ab den 1980er Jahren rücken individuelle Schicksale stärker in den Vordergrund. Figuren wie Bjørn Hansen in Elfter Roman, achtzehntes Buch (1992) oder verschiedene Lehrer- und Büroangestellte ringen mit innerer Leere, existenziellen Fragen und einer tiefen Entfremdung von der Gesellschaft. Ikonisch wurde eine tragikomische Szene aus seinem Roman Scham und Würde (1994), in der der Lehrer Elias Rukla seinen sich nicht öffnenden Regenschirm in einem grandiosen Wutanfall zertrampelt und beschimpft – unvergesslich für seine Leserinnen und Leser.
Die Kritikerin Iris Radisch nannte Dag Solstad 2019 in einem Porträt für DIE ZEIT unter dem Titel „Norwegens Größter“ einen „international bewunderten Solitär, einen glänzenden Stilisten mit einem unverwechselbaren Werk“.
Wer noch nie ein Buch von Solstad gelesen hat, hat nun das Glück, damit zu beginnen. Wer ihn bereits kennt, wird ihn immer wieder lesen.
Danke für deinen unschätzbaren Beitrag zur norwegischen Literatur, Dag Solstad.
In deutscher Übersetzung von Ina Kronenberger liegen folgende Romane von Dag Solstad im Dörlemann Verlag vor:
Professor Andersens Nacht
Scham und Würde
Armand V. Fussnoten zu einem unausgegrabenen Roman
Elfter Roman, achtzehntes Buch
T. Singer
16.7.41